Neues vom Zappelphilipp


ADS verstehen, vorbeugen und behandeln 

von Gerald Hüther und Helmut Bonney

Taschenbuch - 120 Seiten - Walter Vlg., Düsseld.
Erscheinungsdatum: 2002, ISBN: 3530401315 

Nachbemerkungen
Wie es weitergehen könnte...

Auswege aus der Krise

Noch vor wenigen Jahren wäre es unvorstellbar gewesen, dass sich ein Hirnforscher und ein Psychotherapeut gemeinsam auf den Weg machen und ihr in unterschiedlichen Bereichen gesammeltes Wissen zusammenführen, um daraus ein Bild zu entwerfen, das die frühe Entstehungsgeschichte einer Verhaltensstörung nachzeichnet, die möglichen Ursachen dieser Störung und ihre weiteren Auswirkungen auf die Hirnentwicklung beleuchtet und aus dem sich schließlich sogar ableiten lässt, was zu tun wäre, um derartige Fehlentwicklungen zu vermeiden oder durch geeignete therapeutische Maßnahmen zu korrigieren.

Das ist also die erste und vielleicht wichtigste neue Botschaft vom Zappelphilipp: Dieses Störungsbild ist so komplex, dass es sich nur dann umfassend verstehen und optimal behandeln lässt, wenn das Wissen und die Erfahrungen möglichst vieler und möglicht unterschiedlicher Experten aus Theorie und Praxis einbezogen und berücksichtig werden. Wie jede Erkrankung ist auch das, was wir gegenwärtig als „ADHS“ bezeichnen im Grunde so etwas wie ein Spiegel, der uns vorgehalten wird und der uns zwingt, uns und damit die für die Entstehung dieser Erkrankung verantwortlichen Ursachen und Fehlentwicklungen zu erkennen. Manche Ursachen haben wir benannt. Sie reichen von einer ungünstig verlaufenen Schwangerschaft über einen problematischen Geburtsprozess bis hin zu frühen Bindungsstörungen und entsprechenden Fehlentwicklungen des Erziehungs- und Sozialisationsprozesses. Andere Ursachen sind nur am Rande erwähnt, etwa Stoffwechselwechselstörungen, Allergien, Fehlernährungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten und nicht zuletzt all die möglichen Auswirkungen all der vielen Nahrungsmittelzusätze, Umweltgifte und sonstigen Chemikalien die eine Belastung für Kinder darstellen und ihre gesunde Entwicklung u.U. gefährden können.

Es mag noch viele andere Gründe geben, die eine normale Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. All das, was wir bei der Arbeit an diesem Buch zusammengetragen haben bestärkt uns in der Vorstellung, dass die frühe Kindheit eine außerordentlich komplizierte und deshalb auch enorm störanfällige Entwicklungsphase darstellt. Das empfindlichste Organ, in dem während dieser Phase die wichtigsten und schwierigsten Reifungsprozesse ablaufen ist das Gehirn. Es ist daher häufiger als irgendein anderes Organ von all dem betroffen, was den normalen Entwicklungsprozess eines Kindes stören kann. Innerhalb des Gehirns wiederum entwickeln sich die komplexesten Verschaltungen im frontalen Kortex, also im Stirnlappen. Sie sind am wenigsten durch irgendwelche genetischen Programme festgelegt und daher am stärksten durch die jeweiligen Gegebenheiten und die konkreten Nutzungsbedingungen beeinflussbar. Wenn es also aus irgendeinem Grund zu einer Störung der Hirnentwicklung kommt, so ist damit zu rechen, dass die im Frontallappen ausreifenden Verschaltungen am stärksten davon betroffen sind. All das, was dort eigentlich angelegt werden könnte, so lautet die zweite wichtige Neuigkeit vom Zappelphilipp, kann nur dürftiger, unzulänglicher, primitiver ausgebildet werden, wenn die Bedingungen für die Herausformung und Festigung komplexer Verschaltungsmuster in diesem Hirnbereich aus irgendeinem Grund ungünstig sind. Was im einzelnen für die überstarke Unruhe, die erhöhte Reizbarkeit oder die generelle Überempfindlichkeit eines Kleinkindes verantwortlich sein mag, sei dahingestellt. Ein ungünstiger Schwangerschaftsverlauf, eine schwierige Geburt, eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, ein zu stark (oder auch zu schwach) entwickeltes dopaminerges System, mangelnde elterliche Fürsorge, ein schwieriges Familienklima, all das und noch vieles mehr kann - vor allem dann, wenn Verschiedenes zusammenwirkt – dazu führen, dass der komplizierteste und störanfälligste Prozess der frühen Kindheit, nämlich die Ausreifung komplexer Verschaltungen im Frontalhirn, nur mangelhaft gelingt.

Wenn diese Störungsquellen frühzeitig erkannt und abgestellt werden, kann sich der weitere Entwicklungsprozess und damit das Verhalten des Kindes rasch wieder normalisieren. Später allerdings, wenn die Ausreifung des Frontallappens erst einmal in einer bestimmten Weise erfolgt ist, muss auch nach der Beseitigung einer möglicherweise doch noch gefundenen Störungsquelle damit gerechnet werden, dass sich eine Korrektur der inzwischen entstandenen und das Verhalten des Kindes bestimmenden Verschaltungsmuster nur durch einen langwierigen und schwierigen Umstrukturierungsprozess erreichen lässt. Hierbei brauchen Eltern kompetente Unterstützung. Durch eine psychotherapeutische Behandlung des Kindes unter Einbeziehung der Familie können die für diesen Umstrukturierungsprozess erforderlichen neuen Nutzungsbedingungen am wirksamsten erreicht und umgesetzt werden.

Immer wieder sind wir davon überrascht, das so viele, von uns selbst ausgelöste Veränderungen unserer eigenen Lebenswelt und damit auch der Entwicklungsbedingungen unserer Kinder so schleichend vonstatten gehen, dass sie meist über längere Zeit weitgehend unbemerkt bleiben. Dass sich etwas Entscheidendes verändert hat, bemerken wir oftmals erst dann, wenn das Kind schließlich „in den Brunnen gefallen“ ist, den wir so ganz allmählich immer tiefer gegraben haben. Ein einfaches Beispiel mag das beleuchten: In letzter Zeit mehren sich Hinweise, dass es Kinder gibt, die mit einem nur unzureichend ausgereiften Gleichgewichtssinn zur Welt kommen. Sie empfinden das gut gemeinte Schaukeln und Wiegen in den Armen der Mutter als Bedrohung und reagieren mit Angst. All zu leicht entsteht daraus eine frühe Bindungsstörung, die später u.U. in eine ADHS-Symptomatik mündet. Man braucht wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Ausreifung der für den Gleichgewichtssinn zuständigen Nervenzellverschaltungen im Gehirn des ungeborenen Kindes nur dann optimal gelingen kann, wenn diese Verbindungen auch hinreichend oft stimuliert werden. Dazu müsste sich die werdende Mutter allerdings möglichst viel bewegen. Leider gelingt das vielen Schwangeren in der Gesellschaft anderer Menschen, die inzwischen immer mehr Zeit sitzend und fahrend verbringen, nur noch selten.

Dieses Beispiel weist auf den dritten neuen Aspekt hin, den wir hier anhand des Zappelphilipp-Syndroms zu beleuchten versucht haben. Jeder, der sich ernsthaft auf die Suche nach den Ursachen einer Fehlentwicklung macht, muss diesen Weg auch konsequent bis zu seinen Anfängen hin verfolgen. Ansonsten läuft man all zu leicht Gefahr, die Folgen einer Fehlentwicklung mit deren Ursachen zu verwechseln. Dann muss man zwangsläufig ein unzureichend ausgebildetes Gleichgewichtssystem oder ein falsch entwickeltes dopaminerges System oder einen schlecht funktionierenden Frontallappen oder einen fehlgeschlagenen Erziehungs- und Sozialisationsprozess oder eine frühe Bindungsstörung für die Entstehung des betreffenden Störungsbildes verantwortlich machen. Und dann verabreicht man eben dem dopaminergen System ein Medikament, der Frontallappen bekommt eine Verhaltenstherapie, den Lehrern und Erziehern zeigt man die rote Karte und die Eltern steckt man in ein Büßerhemd und lässt sie mit einem möglichst schlechten Gewissen herumlaufen.

Was man damit nicht erreicht und wohl auch nicht erreichen will, ist die eigentlich zwingend notwendige Veränderung der Verhältnisse, unter denen unsere Kinder heutzutage aufwachsen müssen. Überall dort, wo Erwachsene die Anhäufung materieller Güter, das eigene Wohlergehen und die individuelle Bedürfnisbefriedigung zur wichtigsten Richtschnur ihrer Lebensgestaltung zu machen beginnen, kann sich irgendwann nur noch das entfalten, was durch Konkurrenz, Erfolgsdruck und Neid und Habgier hervorgebracht wird. Alles andere verkümmert. Auch Kinder.

Es gibt nur zwei Wege die man einschlagen kann, um einen Ausweg aus einer sich zuspitzenden problematischen Situation zu finden: einen bequemen und einen unbequemen. Der bequeme ist der, den wir normalerweise immer wieder zuerst ausprobieren. Es ist der Weg, auf dem man einfach immer so weiterzugehen versucht wie bisher. Dieser Weg wird dann automatisch mit der Zeit immer beschwerlicher, bis man irgendwann in dem immer dichter werdenden Gestrüpp all der vielen Probleme stecken bleibt, die man sich mit seiner eigenen Engstirnigkeit selbst geschaffen hat. Erst dann, wenn es so wie bisher nicht mehr weitergeht, kann jemand, der diesen Weg gewählt hat, auch zu der Einsicht gelangen, dass er mit dem bisherigen Konzept endgültig gescheitert ist. Sich auf diese Weise selbst in Frage zu stellen, ist nicht nur recht schmerzvoll, sondern auch sehr gefährlich.

Der zweite Weg beginnt dort, wo der erste, zunächst so bequem erscheinende Weg so leidvoll endet: Bei der Fähigkeit, sich selbst und damit die Richtigkeit einmal gefundener Erklärungen und einmal eingeschlagener Lösungsstrategien immer wieder neu in Frage zu stellen. Diesen anderen, mühsamen Weg geht niemand freiwillig, der sich nicht dazu verpflichtet fühlt. Er lässt sich auch nur beschreiten, indem man seine Haltungen und seine Einstellungen gegenüber sich selbst und all dem, was einen umgibt, immer wieder überprüft.

Unsere einmal entstandenen Haltungen und Einstellungen sind uns meist ebenso wenig bewusst wie die Macht, mit der sie uns zu einer ganz bestimmten Art der Benutzung unseres Gehirns zwingen. Unachtsamkeit beispielsweise ist eine Haltung, die auch aus neurobiologischer Sicht nicht „viel Hirn“ beansprucht. Wem es gelingt, künftig etwas achtsamer zu sein, der wird automatisch bei allem, was er fortan wahrnimmt, was er in seinem Gehirn mit diesen Wahrnehmungen verbindet (aktiviert) und was er bei seinen Entscheidungen berücksichtigt, mehr “Hirn” benutzen als jemand, der weiterhin oberflächlich oder unachtsam mit sich selbst und mit all dem, was ihn umgibt, umgeht. Achtsamkeit ist daher eine ganz wesentliche Voraussetzung für eine andere, vorausschauendere Art der Benutzung unseres Gehirns.

Was sich durch Achtsamkeit auf der Ebene der Wahrnehmung und Verarbeitung an grundsätzlichen Erweiterungen der Nutzung des Gehirns erreichen lässt, kann auf der Ebene der für unsere Entscheidungen und für unser Handeln verantwortlichen neuronalen Verschaltungen durch eine Haltung erreicht werden, die wir Behutsamkeit nennen. Mit mangelnder Behutsamkeit, lässt sich ein bestimmtes Ergebnis vielleicht besonders rasch erreichen. Komplexe Verschaltungen braucht man, benutzt man und festigt man mit dieser Haltung jedoch nicht.

Beginnt man erst einmal darüber nachzudenken, welche Grundhaltungen man sich wohl zu eigen machen müsste, um sein Gehirn fortan umfassender, komplexer und vernetzter zu benutzen als bisher, so kommen einem noch eine ganze Reihe von Begriffen in den Sinn, die allesamt fast schon aus unserem gegenwärtigen Sprachgebrauch verschwunden sind: Sinnhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit, Umsichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Verläßlichkeit, Verbindlichkeit .... all das sind Grundhaltungen, die Menschen bereits zu einer Zeit erstrebenswert erschienen, als es noch gar keine Hirnforscher gab, geschweige denn all die komplizierten bildgebenden Verfahren wie die computergestützte Positronen-Emissions-Tomographie, mit deren Hilfe wir heutzutage in das Gehirn eines achtsamen oder eines unachtsamen Menschen hineinschauen können, um den Unterschied bei der Benutzung beider Gehirne deutlich zu machen.

Aus sich selbst heraus kann ein Mensch diese Haltungen ebenso wenig entwickeln wie die Fähigkeit, sich in einer bestimmten Sprache auszudrücken. Er braucht dazu andere Menschen, die diese Haltungen zum Ausdruck bringen. Und, was noch viel wichtiger ist, er muss mit diesen Menschen in einer engen emotionalen Beziehung stehen. Sie müssen ihm wichtig sein, und zwar so, wie sie sind, mit allem, was sie können und wissen, auch mit dem, was sie nicht wissen und nicht können. Er muss sie mögen, nicht weil sie besonders hübsch, besonders schlau oder besonders reich sind, sondern weil sie so sind, wie sie sind. Kinder können einen anderen Menschen so offen, so vorbehaltlos und so um seiner selbst Willen lieben. Sie übernehmen deshalb auch die Haltungen und die Sprache der Menschen, die sie lieben, am leichtesten. Und manchmal gelingt es auch noch Erwachsenen, einander so vorbehalt- und selbstlos zu begegnen, als wären sie Kinder. Liebe erzeugt ein Gefühl von Verbundenheit, das über denjenigen hinausreicht, den man liebt. Es ist ein Gefühl, das sich immer weiter ausbreitet, bis es schließlich alles umfasst, was einen selbst und vor allem diejenigen Menschen, die man liebt, in die Welt gebracht hat und in dieser Welt hält. Wer so vorbehaltlos liebt, fühlt sich mit allem verbunden, und dem ist alles wichtig, was ihn umgibt. Er liebt das Leben und freut sich an der Vielfalt und Buntheit dieser Welt. Er genießt die Schönheit einer Wiese im Morgentau ebenso wie ein Gedicht, in dem sie beschrieben oder ein Lied, in dem sie besungen wird. Er empfindet eine tiefe Ehrfurcht vor allem, was lebt und Leben hervorbringt, und er ist betroffen, wenn es an seiner Entfaltung gehindert wird. Er ist neugierig auf das, was es in dieser Welt zu entdecken gibt, aber er käme nie auf die Idee, sie aus reiner Wissbegierde zu zerlegen. Er ist dankbar für das, was ihm von der Natur geschenkt wird. Er kann es annehmen, aber er will es nicht besitzen. Das einzige, was er braucht, sind andere Menschen, mit denen er seine Wahrnehmungen, seine Empfindungen, seine Erfahrungen und sein Wissen teilen kann.

Solange es noch solche Menschen gibt, gibt es auch noch Hoffnung.

Gerald Hüther

Dr. rer. nat. Dr. med. habil, ist Professor für Neurobiologie an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Zuvor, am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin, hat er sich mit Hirnentwicklungsstörungen und mit der langfristigen Modulation monoaminerger Systeme beschäftigt; als Heisenbergstipendiat hat er ein Labor für neurobiologische Grundlagenforschung aufgebaut.

Er ist unter anderem Mitglied in der Gesellschaft für Biologische Psychiatrie, AGNP, ISTRY

Weitere Bücher des Autors zum Bestellen:

Evolution der Liebe
Biologie der Angst (2. Auflage 1998)
Wie aus Stress Gefühle werden (1998)
Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn (2001)

 

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